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BUND DER ANGESTAMMTEN DEUTSCHSPRACHIGEN MINDERHEITEN IN DER SCHWEIZ
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Kanton Bern

Zweisprachigkeit des Kantons Bern: eine Initiative des Regierungsrates

Der geschichtliche Hintergrund:
Die Berner Jurapolitik seit 1948

BERN UND DER JURA– EINE LEIDENSGESCHICHTE
ODER WIRD MAN AUS SCHADEN WIRKLICH KLUG?
von R. Wyß

Seit bald hundert Jahren tut sich der Kanton Bern schwer mit dem „neuen Kantonsteil“, den Gebieten des ehemaligen Fürstbistums Basel, die 1815 am Wiener Kongress zu seinem Territorium geschlagen wurden. Bern betrachtete den „Holzschopf“ als geringe Kompensation für den verlorenen Waadtländer Weinberg und die verlorene Aargauer Kornkammer.
Die Leidensgeschichte begann im wesentlichen im Jahre 1947, als der Große Rat zweimal Regierungsrat Georges Möckli aus Neuenstadt die Übernahme des Bau- und Eisenbahndepartements verweigerte. Er tat das, obwohl Möckli um neun Jahre dienstälter war als sein Kollege und Parteigenosse Samuel Brawand, dem das gewichtige Departement damals zugesprochen wurde. Durch diesen Affront entwickelte sich aus der  latenten Unzufriedenheit im Jura eine Protest- und Separatismusbewegung, die schließlich zur Abspaltung des Kantons Jura führte. Georges Möckli eignete sich übrigens keineswegs als Ziel des deutschbernischen Misstrauens. Er war ein gemäßigter Sozialdemokrat, sein Großvater war aus dem Kanton Schaffhausen eingewandert, und er wuchs in Neuenstadt an der Sprachgrenze auf. Möckli fand sich damit ab, dass er im Sozial- und Fürsorgedepartement bleiben musste, und hatte keinen Anteil an der Radikalisierung jurassischer Kräfte.
vergebliches liebeswerben
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Es dauerte in der Tat nicht lange, bis die bernische Kantonalpolitik die undiplomatische Brüskierung Möcklis bereute. Sie bemühte sich darum, die Geister im Berner Jura zu beruhigen. Es wurde ihm mehr Autonomie zugestanden, regionale Bauprojekte wurden finanziert und die Wirtschaft wurde gefördert. Während in der Stadt Biel, die bis ins späte 19. Jahrhundert eine klar deutschsprachige Gemeinde gewesen war, die Zweisprachigkeit ausgebaut wurde, beschlossen Regierung und Großer Rat, die verbliebenen deutschsprachigen Schulen, die vor allem auf den Höhenzügen zu finden waren, zu verwelschen und die dort lebenden Bauern und Handwerker, zu einem großen Teil Täufer, allmählich zu romanisieren.
Die kleine, friedlich gesinnte Minderheit wollte und konnte sich mit der Obrigkeit nicht anlegen und schickte  sich nicht dazu an, sich vehement für ihre Kultur zu wehren. Dabei hatte und hat diese Kultur im Jura eine lange Tradition., aber in den 1950er Jahren wurden sie der Appeasement-Politik des Kantons geopfert. Mit der Schließung der Schule von Mont-Tramelan ist dieser Prozess abgeschlossen worden. Die kulturelle Eigenständigkeit dieser Täufer ist heute stark gefährdet. Die Familien sind nicht mehr so kinderreich wie früher, und die letzte dieser Schulen, jene von Mont-Tramelan, ist 2013 geschlossen worden, ganz im Gegensatz zur Dorfschule von Vellerat, in der in den 1970er und 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts viele Jahre lang gerade noch eine Handvoll Kinder von dem separatistischen Agitator Eschmann unterrichtet wurden. Auch die Schule der deutschsprachigen Gemeinde Schelten ist geschlossen worden. Die verbliebenen Schulkinder müssen zum Unterricht nach Mümliswil, Balsthal und Münchenstein pendeln.
DER NORDJURA MACHT SICH SELBSTÄNDIG
Alle diese Bemühungen des Kantons haben wenig genützt. Durch politische Agitation, die auch vor Terroranschlägen nicht zurückschreckte, wurde der Kanton in die Enge getrieben und dazu genötigt, eine Abstimmung über die Sezession der jurassischen Amtsbezirke oder allenfalls eines Teils davon anzusetzen, mit Bundesrat Furgler als Götti des Unterfangens. Die Abstimmung wurde zur Katastrophe. Den Separatisten war es gelungen, einen Mythos zu schaffen und eine Mehrheit der Jurassier davon zu überzeugen, sie seien eine eigenständige Ethnie.
Immerhin schien es nach der Konstituierung des Kantons Jura und dem Wegzug des Laufentals zu Basel zu einer Beruhigung zu kommen; mit der Zeit arbeiteten die Kantone Bern und Jura in manchen Bereichen sogar erfolgreich zusammen.

TERRORANSCHLÄGE UND EIN NEUER ANLAUF ZU EINEM GEEINTEN KANTON JURA
Allerdings wurde von separatistischer Seite die Jurafrage gewaltsam offengehalten, es kam dabei zu symbolhaften terroristischen Anschlägen, bei denen auch Verletzte und Tote in kauf genommen wurden. Eine Auswahl: 1979, 1989, 1990 und noch einmal 2004 wurde in vier Anläufen der “Fritz” zerstört, die Statue La Sentinelle des Rangiers, welche an die Grenzwacht im Ersten Weltkrieg erinnerte. Am Gerechtigkeitsbrunnen in Bern wurde 1986 Hans Giengs Statute der Justitia vom Sockel gerissen und schwer beschädigt, 1989 wurde die alte Holzbrücke von Büren in Brand gesteckt und zerstört, 1993 flog der Wirtssohn Christophe Bader aus St.-Brais vor einem Anschlag auf das Berner Rathaus mit seinem Sprengsatz versehentlich selbst in die Luft, und zwar an seinem 21. Geburtstag.
Als indirekte Folge dieses Anschlages wurde 1994 die Interjurassische Versammlung ins Leben gerufen, die 2008 zum Ratschluss kam, es solle noch einmal über einen gesamtjurassischen Kanton Jura abgestimmt werden. So ward es am 12. Februar 2012 beschlossen, allerdings mit dem fatalen Zugeständnis an die jurassische Regierungsrätin Baume-Schneider, dass im Falle einer Ablehnung auch einzelne Gemeinden noch einmal über ihre Kantonszugehörigkeit beschließen könnten.
Das Ergebnis ist bekannt. Der Kreis Jura lehnte am 24.11.2013 die Bildung eines neuen Kantons ab. Münster (Moutier) beschloss am 18.06.2017, zum Kanton Jura zu wechseln. Wenig später entschieden sich Tiefenbach (Belprahon) und Surbeln (Sorvilier) für den Verbleib beim Kanton Bern. Gegen die Abstimmung in Münster wurde darauf mehrfach Einsprache erhoben, welche von der Regierungsstatthalterin nach eingehender Prüfung gutgeheißen ward. Das Dossier “Moutier” ist noch lange nicht erledigt.

KOMMENTAR
Welcher Schluss läst sich aus dieser Leidensgeschichte ziehen?
Vielleicht wäre es aus wirtschaftlichen und sprachlichen Gründen am besten gewesen, wenn die sechs ehemaligen welschen Amtsbezirke des Kantons Bern sich am Ende doch zu einem einzigen Kanton vereinigt hätten. Den Weiler Schafis hätte man aber vorgängig zu Ligerz schlagen und die Gemeinden Seehof und Schelten an den Kanton Solothurn abtreten müssen. Auch das Gebiet von Im Wiler (Envelier) und Schönenberg hätte dazugehört. Ederswiler hätte zuerst dem Laufental zugeteilt werden müssen; heute allerdings will die Gemeinde beim Kanton Jura bleiben und nicht mehr wechseln. Die ersten drei Plebiszite von 1974 und 1975 waren denkbar unsorgfältig vorbereitet worden.
Es greift indes zu kurz, die Jurafrage auf die Geographie, die sprachlichen Verhältnisse und den Wirtschaftsraum zu reduzieren. Die Jurassier im Süden wollen mehrheitlich bei Bern bleiben, obgleich sie mehrmals gefragt worden sind, ob sie sich nicht doch lieber aus diesem Kanton verabschieden möchten. Sie sind dem Kanton Bern seit Jahrhunderten verbunden, sind mehrheitlich protestantisch und großenteils Nachfahren von ausgewanderten Deutschbernern. In ihrer Mentalität stehen sie den Deutschbernern näher als die Nordjurassier. Das Zugeständnis einer neuerlichen Abstimmung in Moutier war für die Berntreuen dieses Fleckens eine Zumutung und eigentlich ein Rechtsbruch. Leider wehrten sich die Berntreuen zu wenig. Die Frage nach der gewünschten politischen Zugehörigkeit kann man vernünftigerweise nicht immer wieder stellen. Der Kanton Bern hat gegen den Grundsatz der Rechtssicherheit mehrmals verstoßen. Vielleicht will in Münster am Ende doch eine Mehrheit einen Kantonswechsel, aber die Entscheidung von 1975 war rechtsgültig. Es sieht auch so aus, als ob viele Politiker im Kanton Bern das aufsässige Moutier endlich loswerden wollen. Der größte Teil der Berner Bevölkerung scheint sich um die Verhältnisse und Ereignisse im Jura eh nicht mehr zu kümmern.
Noch vor der Abstimmung in Münster wollte der Berner Regierungsrat ein Zeichen dafür setzen, dass er sich erneut zur Zweisprachigkeit im Kanton bekannte. Zweisprachig ist der Kanton zwar immer noch, wenn auch weniger als früher. Das verlorene welsche Hinterland kann jedoch nicht durch Aktivismus und neue Gesetze wettgemacht werden. Dazu haben wir im ersten Beitrag schon einiges gesagt.

 

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